Anrührender Blick in das Innerste

Schriftsteller*in Kra las im Café C’est Lavie aus eigenen Werken. Foto: Regio-Press

Anrührender Blick in das Innerste

Im Café C’est Lavie gibt es bei einer Vernissage neben Gemälden auch eine kurze Lesung.

Königslutter. Kunst lebt vom Austausch, und genau dieser stand im Mittelpunkt der Ausstellungseröffnung im inklusiven Café C’est Lavie in Königslutter (Westernstraße 28a). Zwar waren nur wenige der beteiligten Künstler und Künstlerinnen persönlich vor Ort, doch sie nutzten die Gelegenheit, um mit den rund zwei Dutzend Gästen ins Gespräch zu kommen. Eine kurze Lesung zur Eröffnung verlieh der Ausstellung einen sehr persönlichen Auftakt.

Die Initiatoren – die Lavie Reha sowie der Verein für gemeindenahe sozialpsychiatrische Hilfen/Der Weg – hatten die Ausstellungseröffnung veranstaltet unter dem Titel ,Bunt statt Grau – Kollektive Kunst über Sichtbarkeit, mentale Gesundheit und queeres Leben‘. Die großformatigen Bilder waren beim Umzug zum Christopher Street Day in Braunschweig als Gemeinschaftsarbeit entstanden. „Verschiedene Mitwirkende haben sich beteiligt“, erklärte Mitinitiatorin Kim Winkler (Lavie).

Eine schöne Idee, ohne Frage. Diese Werke sind inhaltlich offen gestaltet und lassen viel Raum für Interpretationen, einige wirken dadurch aber auch etwas unfertig. Auf dem Schlossplatz in Braunschweig hatten Besucher und Besucherinnen des Christopher Street Day die Möglichkeit mitzugestalten. Die Kunstwerke sind dadurch bunt gemischt, innerhalb jedes Werkes eröffnen sich spannende Perspektiven, die auf den ersten Blick nicht gleich erkennbar sind. Wesentlich strukturierter präsentieren sich die kleineren Formate. Diese Werke stammen aus der Queeren Art Night und wurden jeweils von einer Person gefertigt.

Dabei ragte die Darstellung eines zersprungenen Spiegels heraus, dessen Rahmen leer ist. Die Scherben liegen drumherum – auf jeder ist ein Teil des Gesichtes, aber auch ein Teil der Erinnerung, vielleicht auch der Werte haften geblieben. Ein Bild, so will es scheinen, das die Zerrissenheit der Persönlichkeit zum Thema hat.

Natürlich wirkt der Großteil der Bilder amateurhaft, aber im besten Sinne. Die Motive sind anrührend, wirken ehrlich und sind durchweg liebevoll gestaltet. Die Grundforderung bei vielen: Man solle dem queeren Leben Raum geben. ,Respect Existance or Expect Resistance‘ heißt es an einer Stelle: Die Mainstream-Bevölkerung solle die Existenz anderer respektieren oder mit Widerstand rechnen.

Einen Blick in das Innerste gewährte auch Künstler*in Kra mit einer Lesung aus eigenen Werken. „Wir fühlen uns von uns selbst betrogen“, hieß es an einer Stelle. Kra berichtete von Ängsten und von Störungen. „Krankheiten haben die Menschen im Griff.“ Gleichwohl lieferte Kra ein Plädoyer für Offenheit, Toleranz und – für die Kontaktaufnahme: „Manchmal besteht die Gefahr, dass wir mit dem Leben abrechnen, dass wir es abbrechen. Dann musst Du ganz besonders behutsam mit uns umgehen.“

Langer, herzlicher Applaus war der Lohn für den Vortrag. Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Dezember im Lavie-Café zu sehen.

Dezember 3, 2025