Die Katze muss aus dem Sack

Die drei Organisatoren der Veranstaltungsreihe im Hörsaal der Ostfalia (von links): Auszubildender Florian Borchert (Lavie), Regionalleiter Lukas Hoffmann (Lavie) und Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Viedt (Axon). Foto: Regio-Press
 

Die Katze muss aus dem Sack

Veranstaltungsreihe in Wolfsburg und Wolfenbüttel will psychische Erkrankungen entstigmatisieren.

 
Wolfenbüttel. „Lass die Katze aus dem Sack.“ Unter diesem griffigen Motto veranstalten der Verein Axon (Königslutter) in Kooperation mit der Lavie Reha gGmbH (Königslutter) in den Räumen der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften eine Veranstaltungsreihe anlässlich der aktuell laufenden „Woche der seelischen Gesundheit“. Gefördert wird das Projekt vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie. Das Bild der Katze im Sack steht für die Tatsache, dass ganz viele Menschen nicht über ihre seelischen Probleme sprechen wollen oder können. „Wir müssen psychische Erkrankungen durch Aufklärung entstigmatisieren“, erklären Elisabeth Viedt (Axon) und Lukas Hoffmann (Lavie).

Das Besondere an der Reihe: Die drei Veranstaltungen zu den Themen Angst, Depression sowie Mentale Gesundheit und Arbeit laufen nacheinander mit den jeweils unterschiedlichen Protagonisten an den Ostfalia-Standorten in Wolfenbüttel und Wolfsburg. So fand der Auftakt jetzt Am Exer in Wolfenbüttel statt und wird am Dienstag, 17. Oktober, von 14 bis 15.30 Uhr in Wolfsburg angeboten (Robert-Koch-Platz 5, Raum 208 D). Fast 40 Zuhörer kamen und ließen sich über einen Fachvortrag und einen interessanten Austausch per Trialog informieren: Dabei saßen ein Betroffener, eine Angehörige und ein Experte auf dem Podium – übrigens nennen Sozialpädagogen diese Gruppen allesamt Fachleute, nämlich „Expert*innen aus Erfahrung“.

Schnell wurde klar: Viele haben schon mal Erfahrungen mit Krisen gemacht, entweder persönlich oder im direkten Umfeld. Die durch Corona erzwungene Distanz der Menschen hat auch die Gesundheit der Studierenden beeinträchtigt. Angst-Situationen sind in der Gesellschaft verbreitet. Die einen gehen nachts nicht gern vor die Tür, andere suchen lieber den ganzen Supermarkt nach einem Produkt ab, statt eine Verkäuferin zu fragen. „Angst haben gehört zum Überleben, es ist ein Schutzmechanismus“, berichteten Silvio Heim und Sandra Zwinscher vom Verein Der Weg (Braunschweig). Schwitzige Hände, Übelkeit, flache Atmung – in dieser Situation sei keine Konzentration möglich. „Vor allem die Furcht, diese Angst könne nie enden, sorgt dann für regelrechte Panik.“

Was kann in dem Moment helfen, akut und perspektivisch? „Wir bauen eine Beziehung und Vertrauen zu dem Betroffenen auf“, berichtete das Duo. Auch werde eine Art Inventur gemacht durch die Frage, was hat dem Klienten schon geholfen in der Vergangenheit? Sandra Zwinscher berichtete von eigenen Erfahrungen, bewusst ihre Komfortzone verlassen zu haben. „Das war mir wichtig für meinen persönlichen Fortschritt.“ Silvio Heim hingegen warnte vor dem Einsatz von Psychopharmaka: „Sie können ein vorübergehender Hilfeansatz sein, ja – aber sie bergen auch viele Risiken und können Süchte fördern.“

Ein Betroffener erzählte, er setze die Angstsituation in eine Relation zu Lagen, die er schon überwunden habe. „Das hilft mir oft.“ Eine Mutter stellte klar, wie schwierig es ist zu erkennen, dass ein Angehöriger an der Grenze zwischen Aufgeregtheit und einer Angststörung steht, die sich zu etwas ganz Schlimmem entwickeln könne. „Wir mussten erstmal lernen, dass es so ist – und dann darf man das auf keinen Fall klein reden, man muss die Betroffenen ernst nehmen, da sein, sie umarmen.“

Klar ist auch: Patentrezepte gibt es nicht, gerade bei psychischen Erkrankungen. Jeder Kopf und jeder Körper reagiert anders und sucht sich seinen Weg. „Der therapeutische Erfolg steht und fällt mit der Atmosphäre zuhause“, erklärte Silvio Heim. Gerade leistungsorientierte Familien machten es ihren Kinder schwer, sich zu öffnen. Da sei externe Hilfe unabdingbar.

Ausgerechnet die aber ist schwer zu finden. Es gebe zu wenig Anlaufstellen und auch nur wenige Selbsthilfegruppen, klagte die Mutter. Da jedoch zeichnet sich Hilfe ab: Die IT-Auszubildenden von Lavie haben gemeinsam mit dem Verein Axon im Rahmen des Projekts einen Hilfekompass entwickelt, wo erste Anlaufstellen der Region aufgeführt sind. „Sie haben da unheimlich viel Arbeit reingesteckt“, erklärte Lukas Hoffmann unter dem Applaus der Anwesenden. „Wenn Sie einen Fehler finden oder ein weiteres Angebot einstellen wollen, melden Sie sich gern bei Axon.“ Die Liste findet sich unter axonev.de/hilfekompass.php

Nach der Veranstaltung zeigten sich die Organisatoren hochzufrieden mit der Resonanz. „Ich freue mich sehr, dass die Betroffenen und Gäste unser Projekt so mit Leben gefüllt haben“, unterstrichen Lukas Hoffmann und Elisabeth Viedt. Die Statistik zeige, dass fast jeder dritte Mensch in Deutschland im Laufe seines Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung leide. „Und die Dunkelziffer kommt nochmal dazu.“ Diese Katze muss nun dringend aus dem Sack.

Weitere Termine: Zu Depression in Wolfsburg am 20. November von 14 bis 15.30 Uhr in der Poststraße 19 (Raum G-110) und in Wolfenbüttel am 23. November von 14.30 bis 16 Uhr Am Exer 11 (Raum 002). Zum Thema Mentale Gesundheit und Arbeit in Wolfenbüttel am 11. Dezember von 14.30 bis 16 Uhr Am Exer 11 (Raum 004) und in Wolfsburg am 18. Dezember von 14 bis 15.30 Uhr in der Poststraße 19 (Raum G-110).

Oktober 12, 2023