aLa verleiht Flügel
Zwei historische Sandstein-Säulen dominieren den Gästebereich des aLa-Cafés. Foto: Lavie Reha
aLa verleiht Flügel
Die Lavie Reha gGmbH in Königslutter rundete 2022 ihr Portfolio ab – mit einem mutigen Schritt.
Von Frank Wöstmann
Königslutter. Ein sperriger Begriff – doch auch ein sehr schönes Symbol: Was die Lavie Reha gGmbH in Königslutter (Landkreis Helmstedt) unternommen hat, seit sie das Prädikat „aLa“ trägt, kann sich sehen lassen. „Wir sind stolz darauf, als ,anderer Leistungsanbieter‘ nach §60 Sozialgesetzbuch anerkannt worden zu sein“, betont Uwe Rump-Kahl. Der Diplom-Sozialarbeiter ist bei Lavie zuständig für das Eingangsverfahren, den Berufsbildungsbereich (EV/BBB) und den Arbeitsbereich. Und er hat die aLa-Entwicklung energisch vorangetrieben.
Dieser Stolz ist tatsächlich sogar ein dreifacher: „Wir haben in unserem Haus mit dieser Ergänzung eine ganz wichtige Lücke geschlossen“, erzählt er mit Blick auf die vergangenen drei Jahre. Denn als sich Lavie in 2022 zu diesem Schritt entschloss, sei ein letztes Puzzleteil der Einrichtung gefunden worden, um ein wirklich rundes Portfolio anzubieten: „Nun sind wir komplett aufgestellt, um Menschen mit seelischen Erkrankungen und Behinderungen in Arbeit und Beschäftigung zu bringen.“
Das junge Projekt startete mit sechs Plätzen im Berufsbildungsbereich, dann wurde in 2023 auf zwölf Plätze aufgestockt. „In 2024 wurden uns zwölf weitere Plätze im Arbeitsbereich genehmigt“, berichtet Uwe Rump-Kahl. Die Teilnehmenden beim anderen Leistungsanbieter haben zuvor entweder eine medizinische oder berufliche Rehabilitationsmaßnahme durchlaufen, bei der eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorerst nicht empfohlen wurde – oder sie wechseln direkt aus einer Förderschule in das Angebot.
Im Mittelpunkt der Lavie-Arbeit stehen psychisch belastete Menschen. Rund 200 von ihnen werden in unterschiedlichen Maßnahmen an den Standorten Königslutter, Wolfsburg und Braunschweig gefördert. „Durch unsere vielfältigen Projekte bei Lavie verfügen wir über umfassende Möglichkeiten, die gesundheitliche Stabilisierung der Menschen zu fördern und sie in ihrer persönlichen sowie beruflichen Entwicklung zu unterstützen“, unterstreicht der Sozialarbeiter. Das beginne schon beim Erstkontakt, wenn es um größtmögliche Individualität bei der Einschätzung gehe: „Jeder hat ja ganz persönliche Stärken, und darum schauen wir erstmal, wo kann die Person hin, wie bringen wir sie am besten auf ihren individuellen Weg?“
Das Interesse sei groß an dem neuen Angebot, das für Menschen mit Beeinträchtigungen eine Alternative zu den bekannten Werkstätten bietet. Doch der Lavie-Mitarbeiter will darin keine Konkurrenz sehen: „Es handelt sich vielmehr um einen weiteren Baustein der inklusiven Arbeitswelt – ich betrachte das als Miteinander und als sinnvolle Ergänzung.“
Der besondere Reiz des aLa-Angebots: Es ermögliche den Menschen im besten Falle eine Beschäftigung sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Außerdem bieten wir über das persönliche Budget auch die unterstützte Beschäftigung an.“
Die aktuelle Bilanz kann sich sehen lassen: „Wir haben bisher 19 Teilnehmende aufgenommen, von denen noch 14 bei uns sind.“ Ein Teilnehmer musste aufgrund einer zurückgekehrten Depression in eine medizinische Maßnahme außerhalb von Lavie wechseln. Doch der zweite Abgang (Laura Apostel) darf als echter Treffer eingestuft werden: „Wir konnten ihr schon nach kurzer Zeit einen Ausbildungsplatz zur ,Fachpraktikerin Küche‘ vermitteln“, freut sich der Bereichsleiter. Ihren Wechsel in das Budget für Ausbildung wertet er als ersten Integrationserfolg. Gefolgt von einer weiteren Teilnehmerin, die jüngst in einem Hotel ins Budget für Arbeit eingemündet ist.
Und die nächsten Pflöcke sind auch schon eingeschlagen: „Wir haben mit der Förderschule Rudolf Dießel einen Kooperationsvertrag geschlossen.“ Die dortigen Schülerinnen und Schüler der Abgangsklassen machen künftig bei Lavie ein 14-tägiges Praktikum. „Aktuell haben wir schon drei Teilnehmende ins Eingangsverfahren und in den Berufsbildungsbereich aufgenommen.“ Die Entwicklung bestätigt ihn in seinem Engagement: „Viele dieser junge Menschen trugen bisher den Stempel ,nicht arbeitsfähig‘ – aus unserer Sicht ohne Not, denn sie können häufig einfache Arbeiten in Betrieben übernehmen.“ Ihre Zukunft sehe mittlerweile sogar recht rosig aus, gerade durch den Mangel an Arbeitskräften im Handwerk.
Als unvorhergesehene Herausforderung hingegen gestalten sich oft die Informationsgespräche mit Betroffenen, ihren Angehörigen sowie Fachleuten aus der Region. „Denen müssen wir ja unser noch junges Angebot als alternativer Anbieter irgendwie erläutern.“ Gerade in der Startphase erforderte dies viele Erklärungen. Doch es geht um ein großes Ziel: „Immerhin wollen wir mit Eingangsverfahren, Berufsbildungsbereich und Arbeitsbereich die Menschen mit Unterstützungsbedarf qualifizieren, stabilisieren und entwickeln, um sie in Arbeit und Beschäftigung zu integrieren.“
Zum Glück hat die Lavie Reha gGmbH in der Region einen ausgesprochen guten Ruf – nicht umsonst blickt die Einrichtung im Herbst 2025 schon auf ihr 30-jähriges Bestehen zurück. „Hier wurden in den zurückliegenden Jahren vielfältige Angebote an Arbeitsbereichen geschaffen“, unterstreicht Uwe Rump-Kahl. „Besonders hervorzuheben sei das ineinandergreifende Angebot medizinischer und beruflicher Maßnahmen, das es ermöglicht, Menschen mit seelischen Erkrankungen individuell und passgenau zu unterstützen. Außerdem gebe es einen großen Pool von Kooperationsbetrieben in der Region. „Wir haben sehr gute Möglichkeiten, über betriebsintegrierte Arbeitsmöglichkeiten, Budget für Ausbildung und Budget für Arbeit neue Beschäftigungsperspektiven zu entwickeln, die auf jede einzelne Person zugeschnitten sind.“
Dabei würden die Teilnehmenden ermutigt und gestärkt, Arbeitserfahrungen entsprechend ihren Fähigkeiten zu machen. „Die Schaffung neuer gemeinsamer Arbeits- und Erlebnisfelder für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, sowie Selbstbestimmung sind unsere Ziele.“ Die Umsetzung starte bei Lavie, „doch danach versuchen wir, unsere Teilnehmenden in Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarkts zu vermitteln“. Ziel: Jenen Teilnehmenden, die es wollen, einen Arbeitsvertrag zu ermöglichen. „Dann können sie ihre Miete selbst bezahlen und sind nicht auf Grundsicherung angewiesen.“
Auf diesem Weg traf die Reha-Einrichtung eine mutige Entscheidung – und damit kommen wir zum dritten Grund, warum sie stolz sind in Königslutter: Die gemeinnützige GmbH rettete nämlich ein leerstehendes Haus an der alten Stadtmauer und richtete dort im Herbst 2023 das Cafè ,C’est Lavie‘ ein. Bei der Eröffnung unterstrich Lavie-Geschäftsführerin Corinna Wollenhaupt, wie wichtig ihr die Tatsache ist, das Cafè nunmehr als „aLa“-Einsatzstelle zu haben: „Das ist der erste Schritt unserer Einrichtung über die Reha hinaus. Damit bieten wir unseren Teilnehmenden Beschäftigungsplätze mitten in Königslutter und haben gleichzeitig das kulinarische Angebot in der Stadt erweitert.“
Mittlerweile wird das Café so gut angenommen, dass ohne Reservierung kein Frühstücksplatz mehr zu bekommen ist. Das inklusive Café soll ein Ort der Begegnung sein, was sich darin zeigt, dass Musikkonzerte, Ausstellungen und Lesungen durchgeführt werden.
Als Schmankerl wies Corinna Wollenhaupt die Besucher auf einen Stand hin, an dem ein Buttondrucker verschiedene Flügelmotive für die Gäste fertigte: „Ala bedeutet auf Spanisch Flügel – vielleicht können wir hier künftig auch unseren Teilnehmenden Flügel verleihen.“
Kontakt
Sie brauchen mehr Informationen? Ansprechpartnerin ist Inga Schön, die montags unter 05353/95 18 45 erreichbar ist, außerdem per E-Mail: [email protected]
- Ein Teil des Café-Teams mit Reiner Scheuner (rechts) an der Spitze. Foto: Lavie Reha
- Der ehemalige Lavie-Geschäftsführer Rainer Gosslar und sein Sohn Joshua musizierten auch schon im Café an der Stadtmauer. Foto: Lavie Reha
- Geschäftsführerin Corinna Wollenhaupt mit Laura Apostel, die als erster Vermittlungserfolg von aLa in Königslutter gilt. Foto: Lavie Reha
- Ausverkauftes Café ,C’est Lavie‘ bei einem Konzert mit exotischen Musikinstrumenten. Foto: Lavie Reha
- Innenansicht (ohne Gäste). Foto: Lavie Reha
- Einladend wirkt es, das durch Lavie im Zuge der aLa-Einrichtung gerettete Gebäude an der Stadtmauer. Foto: Lavie Reha
- Zwei historische Sandstein-Säulen dominieren den Gästebereich des aLa-Cafés. Foto: Lavie Reha






